Hauptmenu:

135 Jahre Worpsweder Tradition

Das ursprüngliche Geschäftshaus um 1895

MIT GOTT steht auf dem Vorsatzblatt des ältesten noch vorhandenen Anschreibebuchs der Buchhandlung Friedrich Netzel, das mit einem Eintrag von 1892 beginnt. Hiervon zeugen nicht nur in diesem Buch über 500 voll geschriebene Seiten - es gibt noch vier weitere. Das letzte endet in den späten 60er Jahren. Viele prominente Maler aus der Worpsweder Geschichte finden sich darin: Heinrich Vogeler, Otto Modersohn, Paula Modersohn-Becker (als Fräulein Becker), Hans am Ende, Fritz Mackensen oder auch Rainer Maria Rilke - kaum einer der Worpsweder Berühmtheiten, der nicht beim Buchbindermeister Friedrich Netzel und seiner Familie einkaufte, anschreiben ließ und später bezahlte.

Wie aber kam es dazu? Bereits 1879 kam der 1854 in Bremen geborene Buchbindermeister Friedrich Netzel nach Worpswede und eröffnete am 1. Dezember ein kleines Geschäft. Damals - 10 Jahre vor der Gründung der Künstlerkolonie - war Worpswede noch ein verschlafenes Dorf. Aber es gab das Kirchenbüro und die kleinen Dorfgemeinden, deren Akten aufgebunden werden mussten. Zerlesene Gesangbücher erhielten für eine Mark zwanzig neue Einbände und die Dorfschulen wurden mit Lehrmaterial, roter Dinte und gelegentlich auch mit Rohrstöcken versorgt.

Das Geschäftshaus war zu dieser Zeit noch viel kleiner. Der erste Geschäftsraum befand sich in der heutigen Bücherstube. Nach der Hochzeit des Firmengründers mit Clara Albrecht aus Aumund wurde zunächst die Werkstatt in einem neuen Anbau hinter dem Haus untergebracht - mit finanzieller Unterstützung der Aumunder Schwiegereltern.

Der erste Maler, der in den alten Geschäftsbüchern auftaucht, ist Heinrich Vogeler im Jahr 1895. Ordentlich mit Feder und Tinte geschrieben steht - Vogeler Kunstmaler Ostendorf - über den Seiten. Er kaufte aber nicht nur Farben und Pinsel oder ließ Bilder einrahmen. Bei der Firma Netzel erhielt man auch viele Dinge des täglichen Bedarfs, die auch Familie Vogeler benötigte: Tassenbürsten, Feudel, Schrubber, Gallseife, Lampenputzer, Wolle, Nadeln, Nähseide, Strümpfe, Wäschehefte, Gurkenhobel, Tannenbaumschmuck, Lametta, Spielzeug, Closettpapier, Kaloderma-Seife, Köllnischwasser, Zahnbürsten, Fliegenfänger, Violinseiten und vor allem Cigaretten, Bonbons und Schokolade.

Geschäftshaus um 1920

Mit der wachsenden Familie wurde das alte Geschäftshaus zu klein. Ein größeres Haus - in dem sich noch heute der Laden im Originalzustand von damals befindet - inklusive Ateliers wurde 1902 angebaut. Die Bildhauerin Clara Westhoff, der Dramatiker Carl Hauptmann und andere Künstler mieteten sich ein. Auf einer Seite im alten Gästebuch steht in zierlicher Schrift: Mit aufrichtigem Dank für die sehr gefällige Bewirtung - Heinrich Mann. Thomas Mann besuchte Heinrich Vogeler auf dem Barkenhoff, der Bruder wurde kurzerhand bei den Freunden einquartiert.

Zahlreiche Maler folgten Mackensen und Vogeler nach Worpswede. Nahezu alle deckten sich mit Malmaterial bei Netzel ein. Zeitgleich begann sich auch der Tourismus zu entwickeln. Bereits vor der Jahrhundertwende legte der Buchbindermeister eine erste Postkartenserie auf, die sich auf die 1890er Jahre datieren lässt. Mit auf den Postkartenmotiven die beiden ältesten Kinder Friedrich Netzels: Sina (1885 - 1969) und ihre jüngere Schwester Frieda (1887 - 1981). Gerade Frieda Netzel konnte viel von den Künstlern erzählen - war sie doch selbst mit dem Kunstmaler Udo Peters ein Leben lang liiert.

Friedrich Netzel suchte stets neue Geschäftsfelder. Mit dem wachsenden Bekanntheitsgrad der Künstlerkolonie zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Worpsweder Bauernmöbel ein Verkaufsschlager. Bis zum ersten Weltkrieg bündelte Netzel das örtliche Angebot und übernahm den Vertrieb: Er erstellte einen Katalog, die Kunden bestellten bei ihm und die Tischler vor Ort bauten. Ein Blick auf die alte Geschäftspost zeigt das große Interesse: Carl Hauptmann bestellte aus Schreiberhau fünf Stühle (das Modell mit der hohen! Lehne), Fritz Overbeck (schräge Lehne) ließ einen Stuhl nach Itzehoe schicken und Paula Modersohn-Becker avisierte aus Paris für Bernhard Hoetger je zwei Lehn- und zwei normale Stühle ins Westfälische.

Der enge Kontakt zu den Künstlern zeigte sich auch in der Berufswahl seines Sohnes Friedrich. Dieser (1891 - 1945) veranstaltete im Treppenhaus und in einem Atelierraum die erste private Ausstellung Worpsweder Künstler. Dies hatte so großen Erfolg, dass daraus ein selbständiges Unternehmen wurde. Es wird bis heute als Worpsweder Kunsthalle in der Bergstrasse geführt. Vater und Sohn hatten stets ein Herz für Künstler. In den 30er Jahren wurden die Zeiten auch für die Worpsweder Maler schlechter. In der Buchhandlung stotterten die Künstler ihre Farben und Pinsel in Raten ab, die Fritz mehrfach übernahm. Freunde und Mäzene der Künstler meldeten sich und überwiesen Geld. Hier und da taucht in den Anschreibebüchern auch der Vermerk beglichen durch Bild auf.
Geschäftshaus 50er Jahre

Nach dem Tode des Firmengründers 1931 und seiner Frau Clara fünf Jahre später wurde das Geschäft von den drei Töchtern Frieda, Martha (1894 - 1978) und Klara (1902 - 1985) weitergeführt. Das Drei-Mädel-Haus blieb ein fester Anlaufpunkt in Worpswede. Klara übernahm dabei die Buchbindewerkstatt, Martha hielt die Finanzen und Frieda den Haushalt im Griff.

1941 kam Klaras Tochter Edda (- 2010) zur Welt und wuchs im Laden auf. Im Gegensatz zur Mutter und Urgroßvater absolvierte sie keine Buchbinder-, sondern eine Buchhändlerlehre. Nach Stationen in Bremen und München stieg sie in den 60er Jahren mit in das Geschäft ein und führte das Geschäft in die Neuzeit mit Computer und Internet. Seit 2004 führt Eddas Tochter Silke, ebenfalls gelernte Buchhändlerin und Diplom-Geographin, in vierter Generation das Geschäft und die fünfte Generation wächst auch schon heran. Silke Schroeter stöbert gerne in den alten Unterlagen, die soviel von der Geschichte Worpswedes berichten: Von den Worpsweder Maler kennt man normalerweise nur die Bilder. Aber die so vielen unterschiedlichen Dinge, die sie eingekauft haben, zeigen den wirklichen Menschen in seiner Zeit - das macht es so interessant. Dabei hat sie zu Rilke eine besondere Beziehung: Mein Schreibtisch, an dem ich jeden Tag sitze, ist der ehemalige Wohnzimmertisch aus Rilkes Haus in Westerwede.

135 Jahre Buchhandlung Netzel. Auch wenn PC und Online-Shop nicht mehr aus dem Firmenalltag wegzudenken sind: Wer heute die Geschäftsräume betritt, wird den Charakter von einst fast unverändert finden. Die Originaleinrichtung mit dem langen Tresen, in dessen Schubladen so manch Vergessenes schlummert, die Werkstube mit den alten Papierschneidemaschinen und die angrenzende Bücherstube - über allem liegt ein besonderes Flair. Als hätte erst gestern einer der ersten Worpsweder Maler Ölfarben und Pinsel erworben und sich mit dem Drrring der Ladenpingel verabschiedet.


Firma heute

Warenkorb

Es befinden sich keine Artikel im Warenkorb.
Siegel Paypal und SSL

Ihre Vorteile

Versandsvoteile
Schneller
Versand
Über 500.000 sofort lieferbare Titel, Portofreier ÜberNacht-Express
Lieferungsvorteile
Flexible
Lieferung
Postversand, Abholung, Download, Lieferungen an verschiedene Adressen
Formatsvorteile
Auswahl
mit Format
5,6 Mio. Bücher, Hörbücher, eBooks, Downloads, gebrauchte Bücher & mehr
Alles über Ihre Vorteile
* Alle Preise verstehen sich inkl. der gesetzlichen MwSt.
Informationen über anfallende Versandkosten finden Sie hier.
akzeptierte Zahlungsarten: offene Rechnung, Überweisung, Visa, Master Card, American Express, Paypal
Jetzt für nur 19 Euro das eigene Buch und eBook veröffentlichen